Zottels Zeug
 Sun, 19 Jul 2015 02:16:58 +0200 zuletzt bearbeitet: Sat, 25 Jul 2015 01:26:26 +0200  
Es fing so schön an, damals, Mitte der Neunziger:
Meine ersten Erfahrungen mit Vernetzung machte ich im deutschen Z-Netz, einem Mailboxnetz. Das bedeutete, dass entsprechend begeisterte Technikliebhaber, heute würde man sie Nerds nennen, auf eigene Kosten Rechner betrieben, an denen Modems hingen, über die man sich einwählen konnte. Meist irgendwann nachts verbanden sich diese Rechner mit anderen des gleichen Netzes und tauschten miteinander Nachrichten aus, private Nachrichten unter Nutzern des Netzes, aber auch öffentliche in „Brettern“ (Z-Netz-Jargon), also dem, was im Usenet Newsgroups hieß – dem Vorläufer heutiger Foren.
Niemand machte sich auch nur die geringsten Gedanken über Privatsphäre. Es war üblich, bei privaten Nachrichten (dem Äquivalent von E-Mails) die eigene Privatadresse samt Telefonnummer in der Signatur anzugeben – auch in Mails an Leute, die man überhaupt nicht kannte.
Es waren Zeiten der Unschuld. Ich weiß noch, dass ich, der ich das Internet von ständig miteinander verbundenen Computern noch nicht kannte, mich wunderte, warum normale Post in Abgrenzung zur E-Mail als „Snailmail“ bezeichnet wurde – brauchten E-Mails in Mailboxnetzen doch oft mehr als zwei Tage, um ihre Empfänger zu erreichen, wenn sie über entsprechend viele Hops weitergeleitet wurden, die sich nur einmal täglich miteinander verbanden.
Alles war offen, alles war frei, niemand sorgte sich um Überwachung, die aufgrund mangelnder technischer Möglichkeiten mit ziemlicher Sicherheit auch höchstens punktuell stattfand.
Ich machte meine ersten Erfahrungen mit dem Internet, ermöglicht durch einen lokalen Verein, der das Privatpersonen über ein Abkommen mit der Erlanger Uni schon zur Verfügung stellen konnte, lange bevor „Internet“ abseits von Universitäten ein Begriff war.
Microsoft war der erste „Gegner“: Windows 3.1 blieb so weit hinter den Möglichkeiten der damaligen Computer zurück, dass ich erst auf OS/2 umschwenkte und dann, als sich die aktuellste Version nicht mehr auf meinem neuen Computer installieren ließ, Linux entdeckte.
Als einschränkend wurde damals allenfalls das Betriebssystem empfunden, und evtl. mangelnde Rechenleistung des eigenen Computers – bei Computern war es in den 90ern wie in den 2000ern mit Handys und später Smartphones: Es lohnte sich für Technikbegeisterte, sich alle zwei Jahre einen neuen Rechner zu kaufen, weil dadurch sehr viel neues möglich wurde, was vorher nicht ging.
Nach und nach geschah im Internet Spannendes: Netscape war noch Shareware und eigentlich kostenpflichtig, zunächst geliebt, später gehasst und gern als Netrape bezeichnet, aber es gab nicht wirklich Alternativen. Java wurde entwickelt, zu Anfang als extrem spannende Möglichkeit gesehen, dynamisch mit dem Web zu interagieren (JavaScript gab es noch nicht).

Spulen wir vor zu den 2000er-Jahren.
Google ist schon lange „die“ Suchmaschine, die alten Konkurrenten wie Webcrawler, Lycos und vor allem Altavista benutzt keiner mehr. Und: Google ist toll. „Do no evil“ ist damals noch ernst gemeint, das sind total coole Geeks die total coole Sachen machen.
Apple hat seine beste Zeit: Seit einiger Zeit ist das alte MacOS Geschichte, das immer für sein rein kooperatives Multitasking verspottet worden war. BSD mit einem Mach-Kernel ist die Grundlage für Mac OS X – und spätestens ab Version 10.3 ist es auch nutzbar. In den 90ern hatte mir die damals noch notwendige ewige Bastelei an Linux noch Spaß gemacht, jetzt habe ich keine Zeit mehr dafür.
Da ist der Mac perfekt. Teuer, zwar, aber bietet genau das, was ich will: Sehr gutes UI, zwar bei weitem nicht so frei konfigurierbar wie unter Linux, aber wohldurchdacht und wirklich gut gemacht. Dazu BSD Userland: Alle gewohnten Unix-Tools auf der Shell zur Verfügung, einen X-Server gab es auch, und fast alles, was man an alten Linux-Sachen so haben wollte, grafisch oder nicht, gab es auch für den Mac. Ein stabiles System, und als großer Vorteil gegenüber Linux: Hochprofessionelle (wenn auch kostenpflichtige) Software im Bereich Grafik und Publishing. Perfekt. Ich war begeisterter Apple-Jünger.

Dann kam das erste iPhone heraus, und Apples Niedergang begann. In etwa dem gleichen Zeitraum begann für mich die Zeit, in der ich begann, mir Gedanken über Privatsphäre zu machen und über Daten, die ich vielleicht lieber für mich behalten würde. Noch alles andere als dominierend, damals, aber eben erste Gedanken.
Das erste iPhone war eine herbe Enttäuschung. Smartphones waren damals noch in den Kinderschuhen, das UI war allgemein kacke, um es mal so zu formulieren, und da Apple auf dem ganzen Computermarkt das einzige Unternehmen war, das offensichtlich wirklich und sehr viel Augenmerk auf UI legte, hatte ich viel Hoffnung in das iPhone gesetzt.
Indes, es war kein Smartphone: Man konnte keine eigenen Programme installieren. Blergh. Und nichtmal UMTS gab es. Aber das UI war wirklich gut.
Mit dem iPhone 3G kam dann das erste echte Smartphone von Apple, und ich kaufte es und fand es toll, weil es seinerzeit nichts auch nur annähernd vergleichbares auf dem Markt gab. Aber es war auch die Erfindung der Gängelei im Computerbereich: Nur mit SIM-Lock und Telekom-Vertrag. Apps nur aus dem Appstore. Damals noch kein Multitasking. Keine Möglichkeit, einen anderen Browser als Safari zu nutzen (Browser waren im Appstore verboten): Das schluckte ich nur, weil es keine Alternative gab. Und Apples Stern begann zu sinken.
Um es kurz zu machen: Das iPhone 3G blieb mein einziges Apple-Smartphone. Wenig später hatte Google aufgeholt, und ich stieg mit fliegenden Fahnen um.
Denn Google war immer noch cool: Ein Unternehmen, das jetzt auch den Smartphone-Markt für sich entdeckte, grundsätzlich aber weiterhin irgendwie geekig war und dem man zutraute, dass es zwar Geld verdienen wollte und musste, das aber tolle Sachen zu entwickeln schien, um tolle Sachen zu machen, und erst in zweiter Linie, um damit Geld zu verdienen. Wie man sich das als Geek halt so vorstellt.
Zu dieser Zeit kam aber auch ein weniger angenehmer Trend auf: Immer mehr kommerzielle Software „telefonierte nach Hause“, wie man damals sagte, das heißt: Nahm, sofern eine Internetverbindung bestand, Kontakt zu Servern des Herstellers auf. Meist, um Softwarepiraterie zu verhindern, aber in zunehmendem Maße auch, um Nutzungsdaten zu erfassen, d.h. welche Daten wie mit welchen Funktionen der Software verarbeitet werden.
Inzwischen munkelt es viel unter Verschwörungstheoretikern. Angeblich wird das ganze Internet überwacht, zumindest der unverschlüsselte Verkehr. Experten halten das für Unsinn: Da das Internet inzwischen allgegenwärtig ist, gilt es als unmöglich, diese massiven Datenmengen auch nur annähernd vollständig zu überwachen. Allenfalls eine Stichwortsuche innerhalb eines Bruchteils des Gesamtverkehrs wird für möglich gehalten.

Spulen wir wieder vor zur heutigen Situation.
Und da wird es sehr, sehr dunkel. Jegliche Unschuld ist lange verlorengegangen. Die Snowden-Enthüllungen haben klargemacht, dass die Verschwörungstheoretiker die ganze Zeit Recht hatten, und: Man kann keinem großen Unternehmen mehr trauen.
Microsoft, der große Gegner von früher, erschien in den letzten Jahren kundenorientierter als Apple. Bei beiden muss damit gerechnet werden, dass im Auftrag der NSA Hintertüren eingebaut wurden.
Extrem wichtige Open-Source-Software zur Verschlüsselung, die weltweit auf Millionen Servern eingesetzt wird, offenbart eklatante Lücken, die zum Teil durchaus nach Absicht aussehen.
Es darf als gesichert gelten, dass zumindest auf Ebene der Metadaten jeglicher Internetverkehr von Geheimdiensten gespeichert wird. Für die Inhalte gilt das zumindest für begrenzte Zeit. Niemand weiß, welche Verschlüsselungsalgorithmen vielleicht von Geheimdiensten schon komplett geknackt wurden oder zumindest so angreifbar sind, dass sie bei der Überwachung eines einzelnen Bürgers unter Aufwand massiver Rechenleistung zu brechen sind.
Alle Unternehmen, die im Internet präsent sind, vor allem die ganz großen wie Google, Facebook und Amazon, sammeln so viele Daten über ihre Benutzer, wie sie nur können. Sie bilden Profile und nutzen Big-Data-Algorithmen – das kann so weit gehen, dass sie wissen, dass der Nutzer bald ein neues Auto kaufen wird, bevor es ihm selbst klar wird.

Das ist furchtbar. Aus dem unschuldigen Spiel, dem Spaß und der Faszination der Anfangszeiten des Internet ist ein widerlicher Schlamm aus kommerziellen Interessen, Datensammelwut und Überwachung geworden.
Das macht keinen Spaß mehr. Immer surft das ungute Gefühl mit, dass man mit dem Konsum dieses Mediums den Interessen anderer viel mehr dient als den eigenen.
Deshalb ist es wichtig, sich zu wehren. Neben politischer Aktivität ist die einzige Option, so viel zu verschlüsseln wie möglich – und am besten nicht nur via SSL.
Und natürlich, nicht bei den Großen zu kaufen – wobei die Nutzung etwa von Google als Suchmaschine natürlich als Kauf gelten muss, egal, ob man die Werbung ausblendet oder nicht. Daten sammeln kann Google auch ohne Werbung.

Fazit:
Es gab Zeiten, da war die Nutzung von Computern mit und ohne Internet ein unbeschwertes Unterfangen. Das ist heute nicht mehr so. Ich weiß nicht, ob wir uns das zurückerobern können – aber wenn, dann geht das nur über starke Verschlüsselung, immer und überall, auch für die unwichtigsten Dinge.
sasiflo
 Thu, 30 Jul 2015 11:44:01 +0200 
Trashcan ... oh what beautiful times that were :-)

Vor dem Z-Netz begann es mit FIDO-Mailboxen. ONLINE :-) Per Telefon eingewählt mit einem Terminalprogramm. Und nach den ersten unbezahlbaren Telefonrechnungen dann das Leben offline entdeckt. Mit dem Amiga und MicroDot, dem PC unter OS/2 mit CrossPoint und schließlich Linux auch mit CrossPoint und per UUCP. Ah, wie wunderbar war das, damals Ende der 80er. Vieles davon hat meine Zukunft geprägt und meinen beruflichen Werdegang erst ermöglicht.

Und meine Weltsicht.

Welche Kurzsichtigkeit damals. Ich war Verfechter der Klarnamen in allen Posts! Und ja, auch ich hatte Kontaktdaten im Footer ... oh Du große Güte. Es hat eine Weile gedauert, diese ganzen Informationen im Internet der 2000er wieder unsichtbar werden zu lassen. Nur unsichtbar. Alles ist noch da, wenn man genau weiß, wonach man suchen muss. Die Querverbindungen sind nur schwach, so dass ich hoffe, dass auch Google und Konsorten es nicht schaffen, meine heutigen Spuren im Netz mit diesen alten Spuren zu verknüpfen. Das ergäbe ein grandioses Profil ... und würde mit Sicherheit sehr viel über mich und meine Gewohnheiten und Verhaltensweisen verraten. Ich wäre furchtbar gläsern.

... ich muss weg, mir wird übel :-(
sasiflo
 Thu, 30 Jul 2015 11:48:19 +0200 
Da ich weiß, wonach ich suchen muss, kann ich genau bestätigen: Was einmal im Internet ist, verschwindet niemals wieder von dort!

Schlimmer noch: Auch was nie im Internet (heutiger Art) war, findet sich dort. Und verschwindet auch nie wieder. Eine ganz laxe Suche mit dem Wissen, wonach ich zu suchen habe, fördert Diskussionen von 1989 zu Tage. Geführt in einer FIDO-Mailbox. ONLINE per Telefonleitung und Terminalprogramm!