Zottels Zeug
 Fri, 13 Dec 2013 14:05:48 +0100 zuletzt bearbeitet: Fri, 13 Dec 2013 16:28:25 +0100  
Einer der wichtigsten Punkte, über die man sich vor dem Kauf eines Elektroautos den Kopf zerbricht, ist die Reichweite. Für welche Strecken kann ich ein Elektroauto eigentlich nutzen? Was geht und was nicht?
Wenn man sich nicht gerade einen Tesla leisten kann, sind die heute angebotenen Elektroautos in ihrer Reichweite recht beschränkt (je nach Modell meist zwischen 80 und 170 km nach Herstellerangabe).

Herstellerangaben
Wie bei Verbrennern auch sind die Herstellerangaben meist ziemlich weit vom tatsächlich erzielbaren Verbrauch und damit der erzielbaren Reichweite entfernt. Bei Elektroautos kommen aber noch zusätzlich Faktoren hinzu, die unter bestimmten Umständen die erzielbaren Werte weiter verschlechtern.
Zu bedenken ist außerdem, dass man es in der Praxis ja auch vermeiden möchte, so lange zu fahren, bis man wirklich stehen bleibt. Zum einen, weil die Batterie es nicht so gut findet, wenn man das zu oft macht, zum anderen, weil die letzten 5-10 km eben aus Akkuschonungsgründen bei den meisten Autos nur noch im Schneckentempo zurückgelegt werden können.
Und: Die meisten Elektroautos haben einen leistungsreduzierten Eco-Modus (oder sogar mehrere), den man auf Wunsch auswählen kann. Natürlich beziehen sich die Herstellerangaben immer auf die ökologischste Variante, die man auswählen kann.

Faktoren, die die Reichweite begrenzen
Es gibt mehrere Faktoren, die sich ungünstig auf den Verbrauch und somit auf die Reichweite auswirken. Einige davon kann man beeinflussen, andere nicht.

Steigungen: Selbstverständlich verbraucht auch ein Elektroauto auf einer bergigen Strecke mehr als im flachen Gelände. Da über die Rekuperation beim Bergabfahren zumindest teilweise Energie zurückgewonnen werden kann, ist der Unterschied sogar eher kleiner als beim Verbrenner.
Aber: Braucht man im Verbrenner 20% mehr Sprit, denkt man nicht groß darüber nach. „8,4 l/100km statt 7 l/100 km? Naja, war ja bergig.“ 80 km Reichweite statt 100 km Reichweite ist da ein ganz anderes Kaliber – das kann darüber entscheiden, ob man liegenbleibt oder nicht.
Deshalb ist es wichtig, das Elektroauto auf der eigenen Stammstrecke probezufahren, um einen realistischen Eindruck des Verbrauchs und der erzielbaren Reichweiten zu erhalten.

Geschwindigkeit: Die meisten Elektroautos haben eine feste Übersetzung, also keine Kupplung, nur einen Gang, auch kein Automatikgetriebe. Ein Elektromotor gibt das her; er kann sein Drehmoment in sehr großen Drehzahlbereichen voll ausschöpfen, ein Schaltgetriebe ist somit unnötig.
Das bedeutet aber auch, dass er bei hohen Geschwindigkeiten sehr hoch dreht, was natürlich für den Verbrauch ungünstig ist.
Autobahnfahrten können die Reichweite massiv reduzieren, weil der Verbrauch durch die hohe Geschwindigkeit stark zunimmt.
Das ist auch bei Verbrennern nicht anders, schließlich steigt der Luftwiderstand quadratisch zur Geschwindigkeit und ist ab ca. 70 km/h der größte aller Widerstände, die das Auto zur Fortbewegung überwinden muss. Bei vielen Elektroautos ist der Verbrauchsanstieg allerdings noch etwas ausgeprägter, weil der Motor in suboptimalen Drehzahlbereichen arbeitet.
Die Paradedisziplin eines Elektroautos ist auf jeden Fall der Stadtverkehr, dort ist der Effizienzunterschied zum Verbrenner noch viel gewaltiger als in den anderen Bereichen.
Was natürlich nicht heißt, dass ein Verbrenner dort die geringste Chance hätte, in Sachen Effizienz und Umweltfreundlichkeit einem Elektroauto das Wasser zu reichen.
Gerade, wenn die Reichweite knapp kalkuliert ist, werden Autobahnen aber selten zur Lieblingsstrecke von Elektromobilisten gehören.

Kälte: Vermutlich hat jeder schon einmal gehört, dass Elektroautos bei Kälte an Reichweite verlieren. Das hat mehrere Gründe.
Der wichtigste ist den meisten auf Anhieb gar nicht bewusst: Die Heizung. Im Gegensatz zum Verbrenner gibt es keine ungenutzte Abwärme, die einfach nur in den Innenraum geleitet werden muss. Wenn Wärme benötigt wird, muss sie irgendwie erzeugt werden, und das kostet Energie. Viel Energie.
Normalerweise hat die Heizung in einem Elektroauto eine Leistung zwischen 1,5 und 5 kW. Das klingt im Vergleich zu Motoren mit einer Spitzenleistung von 50 kW und mehr erst einmal nach wenig, ist es aber nicht:
Die meisten Elektroautos haben einen Verbrauch im Bereich von 15-20 kWh/100 km. Nehmen wir uns nun eine Fahrt im Stadtverkehr vor. Durchschnittsgeschwindigkeit 33 km/h, Verbrauch eher am unteren Ende der Skala, nehmen wir 15 kWh/100 km.
In einer Stunde verbraucht der Motor also 5 kWh. Eine 5-kW-Heizung, die die ganze Zeit auf maximaler Stufe läuft, verbraucht ebenfalls 5 kWh. Die Reichweite halbiert sich also.
Natürlich ist das so nicht praxisnah. Bei 5 kW dauerhafter Heizleistung wäre man nach einer Stunde gut durchgebraten; so stark läuft die Heizung mit Sicherheit nie.
Es illustriert aber gut den Zusammenhang zwischen Heizung und Reichweite. Wenn man Sorge hat, ob man noch bis zum Zielpunkt kommt, oder auch, wenn man Wert auf gute Verbrauchsdaten legt, lässt man als Elektroauto-Fahrer die Heizung lieber aus.
Zu Bedenken bei Rechnungen mit spitzem Bleistift ist aber immer: Man kann die Heizung nicht immer aus lassen. Regnerisch-kaltes Wetter führt leicht zu beschlagenen Scheiben, die oft ohne angewärmte Luft nicht mehr gut freizubekommen sind.
Zur Heizung hinzu kommt dann noch die Leistungsfähigkeit der Akkus bei Kälte. Bei Kälte steigt der Innenwiderstand, was zu einer reduzierten Kapazität und erhöhtem Verbrauch führt.
Wie deutlich dieser Effekt ist, hängt stark von der verwendeten Batteriechemie ab. Lithium-Eisenphosphat, wie etwa in meiner mia, ist eher unempfindlich, andere Technologien haben teils starke Leistungseinbußen zu verzeichnen. Deshalb wird in manchen Autos die Batterie aktiv temperiert – auch das braucht natürlich Strom, und nicht wenig. (Nebeneffekt bei solchen Autos ist, dass sie dann, ähnlich wie Verbrenner, auf Kurzstrecken im Winter exorbitante Verbräuche aufweisen, weil bei jedem Start wieder die Batterie hochgeheizt werden muss. Und der Innenraum natürlich auch, wenn man nicht auf Heizung verzichten möchte.)
Um noch eines draufzusetzen, sollten Akkus unterhalb bestimmter Temperaturen nicht geladen werden, weil das die Lebensdauer stark verkürzen würde. Deshalb reduzieren die meisten Elektroautos die Rekuperation oder schalten sie ganz ab, wenn die Batterietemperatur unter einen bestimmten Wert fällt – was wiederum zu Lasten der Reichweite geht.
Bei den bisherigen Temperaturen bis etwa -5 °C habe ich bei meiner mia keine großen Reichweiteneinbußen feststellen können, sie lagen im Bereich unter 5 km. Allerdings heize ich auch nur, wenn ich das wegen beschlagener Scheiben muss, und die mia steht nachts in der Garage, so dass ich auch bei Temperaturen unter Null bisher nie mit einem unter 0 °C abgekühlten Akku losgefahren bin. Und, wie gesagt, Lithium-Eisenphosphat ist niedrigen Temperaturen gegenüber recht tolerant.
Kurzum: Kalte Temperaturen reduzieren die Reichweite, und zwar je nach Fahrzeug, Situation und gewünschtem Komfort sehr deutlich.

Batterie-Alterung: So ein Akku hat nicht das ewige Leben, wie jeder weiß, der etwa über mehrere Jahre regelmäßig ein Notebook benutzt hat.
Natürlich ist das nicht direkt vergleichbar, weil bei Autos viel mehr Wert auf eine lange Lebensdauer gelegt wird. So wird z.B. oft nicht die gesamte Kapazität genutzt, sondern nur Ladestände z.B. zwischen 20% und 90%. Dadurch lässt sich die Lebensdauer deutlich verlängern. Auch die Batterie-Chemie ist oft eine andere als die in Notebook-Zellen und hat eine bessere Zyklen- und Altersbeständigkeit.
Trotzdem: Wer ein Elektroauto kauft, muss auch im Blick haben, dass die Reichweite mit den Jahren immer weiter sinken wird.
Von der zu erwartenden Zyklenzahl allein sind die meisten Elektroauto-Akkus so ausgelegt, dass sie zu allermindest 150.000–200.000 km überleben sollten (teilweise deutlich mehr), bevor die Kapazität auf 80% der ursprünglichen Kapazität abgesunken ist.
Hinzu kommt aber noch die zyklenunabhängige Alterung, die heute noch niemand so richtig einschätzen kann.
Wahrscheinlich wird man die meisten Elektroautos 8-10 Jahre fahren können, bis man nur noch 80% Akku-Kapazität zur Verfügung hat. Wenn man dazu Rechnungen anstellt, sollte man aber vielleicht sicherheitshalber nur von fünf Jahren oder weniger ausgehen.
Dann ist der Akku nicht kaputt. Man kommt aber nicht mehr so weit wie zu Beginn. Und im Winter reicht es dann vielleicht nicht mehr für die Stammstrecke.

Was sich nicht auswirkt
Es gibt landläufig die Vorstellung, dass Zusatzverbraucher wie Licht, Radio oder Sitzheizung die Reichweite zusätzlich begrenzen.
Das ist Unsinn. Diese Einrichtungen liegen alle unter 200W im Stromverbrauch. Gegenüber meist über 10 kW für den Motor im Fahrbetrieb fällt das überhaupt nicht ins Gewicht.

Fazit
Die Reichweite ist ein Thema, das viele Elektroauto-Käufer umtreibt – und zu Recht, wie ich gezeigt habe. Das liegt vor allem daran, dass die meisten heute angebotenenen Elektroautos mit recht mickrigen Batterien ausgestattet sind – und daran, dass die erreichbaren Reichweiten je nach Situation massiv schwanken können.
Tatsächlich kann daher alles jenseits der reinen Kurzstrecke zum Rechenexempel werden, das man vor dem Kauf aber auch durchexerzieren sollte, um letztlich ein zufriedener Elektroauto-Fahrer zu werden.
Als Faustregel könnte man sagen: Liegt die regelmäßig benötigte Reichweite jenseits von etwa 35-40% der Herstellerangabe, sollte man zumindest zu rechnen anfangen und das Auto auch unter reellen Bedingungen (eigene Strecke, wenn möglich im Winter) testen.

Zum Schluss ein Beispiel aus der Praxis:
Meine mia ist vom Hersteller mit einer Reichweite von 120 km angegeben. Wenn man bis 60 km/h sehr vorsichtig im Eco-Modus die Batterie komplett leerfährt, ist das durchaus erreichbar.
Über Land sind im Eco-Modus ca. 90-100 km, ohne eco-Modus ca. 80-95 km realistisch (mehr im Stadt- und vor allem im Stadtrandverkehr mit vielen Tempolimits, aber wenigen Ampeln). Auch im Winter, allerdings ohne Heizung.
Mit wirklich tiefen Temperaturen unter -10 °C habe ich bisher keine Erfahrung.

#Elektroautos
Zottels Zeug
 Wed, 11 Dec 2013 12:05:17 +0100 zuletzt bearbeitet: Fri, 13 Dec 2013 09:14:00 +0100  
Und wieder eine neue Rubrik: Elektromobilität heute.
Wer heute vor dem Kauf eines neuen Autos steht, hat häufig auch die Idee im Kopf, dass es doch auch ein Elektroauto werden könnte.
Leider sind fundierte Informationen über Elektromobilität sehr dünn gesät. Der Verkäufer aus dem Autohaus hat keine Ahnung und würde sowieso lieber einen Verbrenner verkaufen, weil die Marge beim Elektroauto mies ist, und das Folgegeschäft mit der Wartung auch. Die „Fachpresse“ glänzt mit grenzenlosem Dilettantismus bis hin zu krassen Fehlinformationen. Und man kennt auch noch keinen, der selbst ein Elektroauto hat.
Wirklich gute Informationen zum Thema gibt es momentan fast ausschließlich in Internetforen und einigen wenigen Blogs.
Dieses Blog soll dazugehören.
In der Reihe Elektromobilität heute möchte ich Informationen aus der Praxis zusammenschreiben, über Vor- und Nachteile von Elektroautos, Reichweite, Batterien, Ladesysteme und so weiter, die eine erste Orientierung für den Elektroauto-Interessenten bieten können.
Den Anfang macht heute ein Post über Informationsquellen, die oft gar nicht so einfach zu finden sind. An diesen Stellen findet man gute Informationen zum Thema Elektroauto:

Blogs
wattgehtab.com, goingelectric.de und mein-elektroauto.com: Allgemeine Informationen aus der Elektromobilität, Informationen zu neuen Autos etc., keine subjektiven Praxiserfahrungen.
zoepionierin.de und danzei.de: Subjektive Praxiserfahrungen von Zoé-Fahrern und weitere Elektroauto-Informationen.
elektroautor.com: Allgemeine Infos (Österreich), dazwischen einige Zoé-Erfahrungen.
Außerdem gibt es noch einige interessante Umbau-Blogs, die für den 0815-Autokäufer allerdings weniger relevant sein dürften.

Foren
Neben einigen Foren zu speziellen Modellen (Tesla, Twizy …) ist momentan eigentlich das einzige ernstzunehmende Forum das von goingelectric.de.

Gebrauchte Elektroautos
Bisher findet man gebrauchte Elektroautos (außer evtl. den Twizy von Renault) noch kaum auf den üblichen Autoportalen wie Autoscout24 oder mobile.de.
Die beste Adresse ist im Augenblick elektroauto-forum.de, anders als der Name vermuten lässt kein Forum, sondern ein Kleinanzeigenmarkt. Die Benutzerführung ist grottenschlecht (Preis nicht sichtbar, ohne dass man die Anzeige aufmacht, Suche nach Preis maximal vierstellig etc.pp.), aber mehr und bessere Gebrauchtangebote für Elektroautos gibt es nirgends sonst.

Ladesäulen-Verzeichnisse
LEMnet
goingelectric.de

Wenn du Vorschläge für weitere Links hast, freue ich mich über eine Nachricht oder einen Kommentar!

#Elektroautos